Erfahrungsbericht vom Oasenspiel Bad Gandersheim

30 Oktober 2019

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Oasenspiel in Bad Gandersheim – Ein Erfahrungsbericht

von Robin Dirks

Was sich die Passanten in Bad Gandersheim wohl dachten, als eine bunte Gruppe junger Menschen am Samstagvormittag, mitten in der Innenstadt anfing einen brasilianischen Kreistanz aufzuführen? Als auf dem Marktplatz Pärchen mit verbundenen Augen auftauchten, und an dem alten Kirchgemäuer rumtasteten? So viele junge Menschen sah man hier eher selten, und dann auch noch so motiviert. Was führten die im Schilde?

Dass lediglich eine Woche später knapp 100 engagierte Bad Gandersheimern mit diesen jungen Menschen bei eben diesem Kreistanz mittanzen würden…undenkbar.

Oder vielleicht doch nicht?

Zwischen dem 17.05. und 27.05. ging ich mit einer internationalen Gruppe in Bad Gandersheim beim Oasis Game Learning Village auf eine spielerische Entdeckungsreise. Zwanzig Menschen, zusammengewürfelt aus 7 Ländern kamen mit verschiedensten Hintergründen zusammen, vereint durch das Interesse die Welt zu einem schöneren und spielerischen Ort zu machen. Unser Auftrag: die Bewohner von Bad Gandersheim aus ihrer Reserve locken und zum Mitzuspielen begeistern.

Was ist möglich, wenn ein kleines, norddeutsches Dorf nicht nur anfängt zu träumen, sondern diese Träume auch Wirklichkeit werden lässt?

An jenem Samstag, als das Spiel beginnt, ziehe ich mit Karolina aus der Slovakei durch die Straßen und wir halten Ausschau nach Menschen mit offenen Gesichtern. Unsere Mission: Kontakt aufnehmen. Sich verbinden. Den Bad Gandersheimern Geschichten über ihre Stadt entlocken.  Wir haben erstaunlich schnell Erfolg, verwickeln uns schnell in spannende Gespräche. Dass das so leicht sein würde, hätten wir nicht erwartet. Das Geheimnis? Wir sind aufrichtig interessiert.

„Wir spielen ein Spiel und sind auf der Suche nach Geschichten über die Stadt und nach Träumen für die Stadt, dürfte ich Sie fragen, welche Träume für Bad Gandersheim Sie haben?“ Die ältere Dame mit milden Gesichtszügen und herzlichen Augen lädt uns zu sich in ihren Garten ein. Dort erzählt sie uns Anekdoten aus ihrer Zeit als Lehrerin. Wir lauschen gebannt. Irgendwann frage ich nochmal nach den Träumen für die Stadt. „Ach, wissen Sie, ich unterhalte mich jeden Tag, hier am Gartenzaun, mit meinen Nachbarn über die Stadt; ich weiß immer genau was passiert, aber wir haben auch keine Ideen was sich verändern könnte.“ Als wir uns zum Gehen wenden, fällt uns in einem Nebenzimmer ein großer Webstuhl auf: „Ist die noch in Betrieb?“ Mit einem Strahlen zeigt uns die alte Dame prächtige Kunstwerke, die sie aus allen möglichen Materialien gewebt hat. Ich bin beeindruckt und wir haben unser erstes Talent von Bad Gandersheim entdeckt. Das würde später noch relevant werden.

Als wir zurückkommen werden die Geschichten, die gesammelt wurden, geteilt. Eine euphorische Stimmung entsteht, jedes Pärchen hat etwas erlebt und etwas Neues erfahren. Viele kleine Puzzleteile ergeben einen vielschichtigen Eindruck von den Menschen in dieser Stadt. Wir fühlen uns wie eine Forschungsgruppe, die ihre Ergebnisse zusammenträgt. Ein gemeinsames Merkmal, das wir entdecken: viele – vor allem ältere - Bad Gandersheimer betonen immer wieder, dass die goldenen Jahre vorbei seien.

Wir befinden uns in der ersten Phase des Spiels: Wertschätzender Blick. Diese fing damit an, dass wir die Stadt mit anderen Augen erkunden, stets auf der Suche nach den schönen, besonderen Dingen. Dann haben wir uns gefragt, welche Menschen sich dahinter verbergen. Welche Talente im Verborgenen lauern. All jene Talente, die wir in der Stadt entdecken laden wir zu einer Talentshow am Sonntag Abend ein.

Hier kommt auch Frau Hoheisel hin, die wir am Vortag entdeckt hatten. Sie bringt ihr Strickwerk mit und erntet begeisterte Reaktionen. Sie erzählt, dass sie gerne Nähkurse anbieten würde, auch für Männer. Viele weitere Talente stellen sich vor: da ist Jens, der den Bahnhof und den Dom originalgetreu aus Lego nachgebaut hat und sich als begeisterter Mitspieler herausstellen würde. Da ist Dieter Sommer, von Beruf Entertainer. Da sind Kinder, die Fußballtricks vorführen, singen und Kartentricks machen.

Nach den Präsentationen werden Kleingruppen gebildet, um Träume für die Stadt zu sammeln. In meiner Gruppe entsteht direkt ein wildes Potpourri aus Straßenfestival, Begegnungscafé und Markt der Möglichkeiten. Zum Abschluss lernen alle Teilnehmenden das wichtigste Element des Oasenspiels kennen: gemeinsam feiern! Ausgelassen lernen wir verschiedene Tänze voneinander, sowohl brasilianisch, als auch arabisch.

In den nächsten Tagen findet die Nachbereitung statt und die nächsten Schritte werden geplant. Die Gruppe, die inzwischen um einige Bad Gandersheimer angewachsen ist, trifft sich täglich im Klaro – einer Art öffentliches Wohnzimmer von der Diakonie. Am Dienstag findet das nächste Event auf dem Marktplatz statt: ein Designworkshop, wo die Träume, die gesammelt wurden, konkretisiert werden sollen, mit Hilfe von Maquette-Modellen. Mit Hilfe von bunter Knete formen sich so zwei konkrete Entwürfe: zum einen steht die Idee eines Gemeinschaftsgartens im Raum, zum anderen eine Art Kunst-Kultur-Begegnungskneipe.

Als die Pläne stehen, und sich Gruppen gebildet haben heißt es Ressourcen aktivieren. Wer kennt wen, der wen kennt, der was beisteuern könnte? Diese Phase ist die intensive Vorbereitung des großen Showdowns: schließlich soll am Wochenende etwas passieren – im Oasenspiel heißt die Phase Wunder ermöglichen.

Und dazu kommt es dann auch. Was am Samstag alles passiert ist schlicht unglaublich. Eine Gruppe hat ein Grundstück ausgemacht, das fleißig urbar gemacht wird und eine andere Gruppe hat ein Wohnzimmer auf dem Marktplatz aufgebaut, um mehr Bad Gandersheimer nach ihren Träumen zu befragen. Alle packen begeistert mit an, das meiste organisiert sich von selbst, wo man schnell den Überblick verlieren kann, was alles vor sich geht. Aber die Dinge fügen sich wie von magischer Hand zusammen: ein Graffitikünstler besprüht das Gartenhaus, zwei Schreiner bauen eine Bank, irgendwer bringt Suppe vorbei, jemand anders hat mehrere Pizzen von der lokalen Pizzeria geschenkt bekommen.

Mit verlegenen Lachern und leicht patzigen Schritten lernt die Gruppe am Sonntag nachmittag den Tanz „Alma“, mit dem wir den Abschluss des Oasenspiels zelebrieren; denselben, den wir an unserem ersten Tag in der Innenstadt gelernt hatten. Ich blicke in strahlende, teils sogar gerührte Gesichter. Vor dem Tanz wurden alle Errungenschaften des Wochenendes präsentiert und bei jedem Element durften alle die daran beteiligt waren im Kreis rennen, um abgeklatscht zu werden. So viele High-Fives machen einfach gute Laune und alle spüren – das was wir geschafft haben ist ziemlich magisch!

Entstanden ist ein bunter Gemeinschafts-Garten aus einer ehemals brachliegenden Fläche und es hat sich eine tatendurstige Wohnzimmerinitiative gebildet, die einen bereichernden Nachmittag in der Innenstadt hatte und weitere Events für Bad Gandersheim plant. Aber vor allem sind es die neuen Begegnungen, die entstanden sind, die das besondere Flaire an diesem Nachmittag ausmachen. Hier feiern alle mit: Schüler, Rentner, Lehrer, Geflüchtete, Lebenskünstler, Sozialarbeiter. Der Abend klingt bei Gitarrenmusik und reichhaltigem Buffet aus.

Zum Abschied gibt mir Frau Hoheisel eine dicke Umarmung. Sie hat zwar nicht mitgetanzt, aber ordentlich im Garten mit angepackt. Sie bedankt sich überschwänglich bei mir und sagt „Das hätte ich ja nicht für möglich gehalten“. Tja, vielleicht fangen die goldenen Jahre ja gerade erst an.

Fotos:

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Bad Gandersheim tastend erkunden.

Tanzen in der Innenstadt.Tanzen in der Innenstadt.

Tanzen in der Innenstadt.

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Frau Hoheisel präsentiert ihre Nähkunst.

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Maqutte Design Workshop zur Modellierung der Träume.

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Wohnzimmer in der Innenstadt.

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Garten vor dem Oasenspiel.

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Und der Garten ein paar Wochen nach dem Oasenspiel.

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Gemeinsames Abklatschen - das Erreichte feiern.

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Abschlusskreis.